#4 | Insekten • Insekten • Und ein wenig Quick-Commerce

Moin,

in diesem Newsletter soll es um gutes Essen und die Ernährung der Zukunft gehen. Doch über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten (und trotzdem machen es alle). So zählt die diskussionswürdige Maggi Flüssigwürze in vielen Haushalten auch heute noch zum Stammsortiment. 

Ähnlich polarisierend ist auch das Thema Insekten. Häufig wird darauf verwiesen, dass bei einem Großteil der Weltbevölkerung Insekten auf dem Speiseplan stehen. Und dennoch hat sich das Thema in Europa bisher nicht durchgesetzt. 

Mehr dazu im Depp Dive.

Schönen Sonntach
Philipp
Deep Dive
Insekten als Lebensmittel: Wo bleibt “die Zukunft unserer Ernährung”?
Vor kurzem gab die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) bekannt, dass die Wanderheuschrecke als Lebensmittel ohne gesundheitliche Bedenken verzehrt werden kann.
Vor wenigen Jahren wäre das noch eine große Neuigkeit gewesen. Doch diese Meldung ging weitestgehend unter. Es wird lieber weiter über die steigende Anzahl an “Plant Based”-Startups berichtet. Und das nicht ohne Grund.
Die Wanderheuschrecke ist nach dem Mehlwurm gerade mal die zweite Insektenart, die in der Europäischen Union zum Verkehr zugelassen wurde (mit wenigen Ausnahmen in manchen Ländern und teilweiser Sondergenehmigungen). Dabei gibt es über 1.000 essbare Insekten auf diesem Planeten (Übrigens soll die Japanische Hornisse – richtig zubereitet – einen wahrhaft himmlischen Geschmack haben).
Nun gut, es ist bekannt, dass “die Mühlen der EU sehr langsam mahlen”. Aber sind Insekten nicht unsere Proteinquelle der Zukunft?

Ok, lassen wir die EU mal aus dem Spiel. In anderen westlichen Staaten dieser Welt sind die Zulassungsverfahren für Lebensmittel weniger bürokratisch. Doch auch hier… kaum ein Insekten-Startup und auch kein IPO nach dem anderen. Die Food-Business-Newsletter sind auch nicht voll von Venture Capital Investments dieser Art. 
Aber was spricht denn gegen Insekten?

Was Verbraucher*innen nicht kennen, essen sie nicht
Auch wenn die Akzeptanz für Insekten scheinbar gestiegen ist, die Nachfrage bleibt gering. Das bedeutet für Unternehmen, die sich dem Thema annehmen viel Erklärungsarbeit. Also: Werbung. Und die ist bekanntlich aufwändig und teuer.
Warum also sollen sich Unternehmen die Mühe machen? Soja kennt und versteht bereits jeder. 

Manche haben das Risiko dennoch gewagt und sind daran gescheitert (z.B.Swarm Protein und Bearprotein). Andere sind dran geblieben und konnten Erfolge feiern – z.B. die Bugfoundation.

Insekten sind auch Tiere
Da ich jetzt keine Diskussion über den Unterschied von Tieren und Insekten starten möchte, einigen wir uns doch einfach auf den Begriff “Lebewesen”. Insekten sind Lebewesen und auf deren Verzehr möchten Vegetarier*innen und vegan lebende Menschen gerne verzichten. Entgegen weitläufiger Meinungen (meist der Meinung von Omnivore) gilt das auch für Insekten
Sie eignen sich also überhaupt nicht für den steigenden Trend, auf tierische Produkte zu verzichten und gehen damit an einer ganz wichtigen Entwicklung vorbei. 

Sind Insekten besonders Effizient?
Ja! Insekten haben eine besonders hohe Futterverwertungseffizienz. Auf 2 kg Futter kommen 1 kg Insekten. So schön, so produktiv. 
Aber was wird bisher daraus gemacht? Viel Mehl. Und was bringt uns Mehl aus Insekten (2:1 Verwertung), wenn man damit Mehl aus Getreide ersetzt (1:1 Proteineffizienz)? Wenn weiter versucht wird, Insekten blos nicht nach Insekten aussehen zu lassen, werden die damit hergestellten Produkte nicht effizientere Proteinquellen anzapfen, sondern weniger effizient sein. 

Industriell hergestellte Insekten schmecken anders
Insekten schmecken gut. Punkt! Aber welche? Gemeint ist nicht die Art, sondern die Herkunft. Oder besser: die Erzeugung.
In der mdr Doku, auf die ich unter “Empfehlung” noch einmal näher eingehe, haben die beiden Protagonisten eine (gar nicht so) überraschende Erkenntnis: Gezüchtete Insekten haben nicht den selben Geschmack, wie in der Natur gefangene. Man könnte gar von “geschmacklos” sprechen.
Wer jetzt mal an ein Steak aus dem Discounter denkt und es mit der Landmetzgerei seines Vertrauens vergleicht wird schnell feststellen, dass dies nur logisch ist. Das Futter von Tieren bzw. Insekten ist nunmal ausschlaggebend für den Geschmack des Endproduktes.

Insekten – eine gewagte Prognose
Effizient, aber nicht genug. Akzeptiert aber (noch) nicht beliebt. Insekten haben sicherlich viele Vorteile, aber sie wären nur ein Umweg zur Reduzierung des Fleischkonsums und der damit einhergehenden, verehrenden CO2 Bilanz. 
Und vielleicht ist das auch besser so.
Josh Evans, Protagonist der Dokumentation “Bugs – Insekten auf dem Teller“, Teil des Nordic Food Labs und Autor des Buches “On Eating Insects” zieht hier eine passende Bilanz:
Wenn Insekten aus industrieller Erzeugung nicht gut genug schmecken, aber dennoch auf unserer aller Speisekarten landen, wird es zwangsläufig zu einer ähnlichen Katastrophe wie der Überfischung der Meere kommen. Das könnte Fatale Auswirkungen auf unser Ökosystem haben.  
Vielleicht trifft es auch nur wenige, aber auch dann erwarten uns ähnliche Szenarien wie der Sushi-Trend und dem damit einhergehenden Aussterben des Bluefin – des Blauflossenthunfischs. 

Insekten bleiben ein Thema für unsere Ernährung der Zukunft, aber vorerst nicht so groß wie manche dachten. Sie erfreuen sich steigender Beliebtheit in Gastronomischen Konzepten, wo sie in kleinen Mengen die “Kirsche auf der Sahne” sind. 
Viele Trends haben bereits den Sprung aus der Gastronomie heraus in die Lebensmittelindustrie geschafft. Daher besteht  weiterhin die Chance, dass sich Insekten einmal in unser aller Ernährung durchsetzen.
DIE Lösung für unsere Proteinversorgung werden sie aber wohl nicht. 
Startup Corner
Bugfoundation – Der etwas andere Burger
Die Bugfoundation ist theoretisch nur noch bedingt als Startup zu sehen. Die Osnabrücker haben ihr Unternehmen erst vor kurzem an Kupfer Innovative Food verkauft. Seit 2014 haben sich Baris Özel und Max Krämer dafür eingesetzt, dass Insekten in Deutschland zu Lebensmitteln verarbeitet werden dürfen. Sie begannen damit, ihren Burger aus Buffalowürmern tiefgekühlt an belgische Restaurants zu verkaufen. In Belgien war der Verzehr von Insekten bereits teilweise gestattet, doch musste das kleine Startup die Bestandsteile damals noch einzeln verpacken und sie durften ihr Produkt nicht als Lebensmittel deklarieren. Das ist nun anders und so findet man den Insekten-Burger bereits in ersten Filialen von Rewe und Penny.
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Empfehlung
Dokumentation: Bugs – Insekten auf dem Teller
Sind Insekten die Lösung für die Bekämpfung des Welthungers? Welche Insekten kann man essen? Und welche schmecken? Regisseur Andreas Johnsen schickt in dieser tollen Doku zwei sehr unterhaltsame Vertreter des Nordic Food Lab auf eine Reise um den Planeten. Die Challenge: Erkenntnisse rund um Insekten als Lebensmittel zu sammeln.
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Quick-Commerce-Update
Edeka hat sich lange Zeit schwer damit getan, eine Strategie für den wachsenden Markt der Lebensmittellieferungen zu definieren. Doch allmählich scheint die “Make or Buy”-Frage entgültig geklärt: Buy! Auch wenn die Hamburger ihre ersten Bemühungen seit Mai an Investor Rockaway Capital liquidiert haben. Seit der Investition in den niederländischen Anbieter Picnic und der darauf folgenden mehrfachen Aufstockung der Beteiligung, scheint der Weg klar. Know How einkaufen, kooperieren und davon profitieren. Und nun holt sich der Konzern einen weiteren Anbieter hinzu. Mit einer Beteiligung von einer Millionen Euro investiert Edeka Südwest in den jungen Lieferdienst Bringman. 

Während das Edeka-Invest Bringman zwar zeitnah, aber eben nicht in 10 Minuten liefert, verabschieden sich auch alle anderen Anbieter allmählich von dem Versprechen und transformieren sich schleichend zum “Not so quick anymore Commerce“. Die höhere Nachfrage, die fehlenden “Rider” und die zunehmende Komplexität der Logistik bremst die Unternehmen im wahrsten Sinne des Wortes aus. 

Während dessen plant Doordash die Weltherrschaft. Zumindest haben die Amerikaner großes vor. Ein größeres Vertriebsnetz, mehr Produktkategorien und mehr Internationalisierung. Da hilft sicherlich auch die kürzlich bekanntgegebene Übernahme des finnischen Anbieters Wolt.