#36 | Klima-Labels für einen nachhaltigen Einlauf?

Moin Foodians,

für das Lesen eines Newsletters, fehlt es häufig an Zeit. Selbst, wenn er so spannend ist wie dieser 😉

Aus diesem Grund könnt ihr die stark zusammengefassten News und relevanten Themen aus dem vergangenen Monat nun im Food Experten Podcast von Tobias Gross nachhören, in dem ich die Ehre hatte, als Gast meinen Senf beitragen zu dürfen. 1,5 Stunden geballte Food-News und Deep Dives.

Peace!

Philipp

 

Würde ein Klima-Label unsere Einkaufsgewohnheiten verändern?

Rindfleisch und Avocado sind schlecht für das Klima. Äpfel und Kartoffeln können wiederum bedenkenlos verzehrt werden. Wenn es so einfach wäre...
Diskussionen und Testläufe um einen Eco-Score oder Planet-Score zeigen, dass die Einführung eines Klima-Labels nur eine Frage der Zeit ist. Aber hilft uns eine solche Kennzeichnung für einen nachhaltigeren Einkauf?
Die Lebensmittelindustrie dürfte für rund ein drittel der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich sein, weshalb die Branche gegenwärtig besonders im Blickpunkt steht.
Folglich haben wir Verbraucher*innen es mit unserem Wocheneinkauf selbst in der Hand, direkten Einfluss auf das Klima zu nehmen. Aber wie können wir erkennen, welchen Einfluss unser Einkaufskorb auf die Umwelt nimmt? Braucht es unbedingt noch ein Label, ähnlich dem Nutri Score, um uns einen Richtwert an die Hand zu geben?
Laut David Bryngelsson, Geschäftsführer von CarbonCloud, ist eine solche Kennzeichnung sogar zwingend notwendig, "da das Bauchgefühl der Öffentlichkeit absolut schrecklich ist, wenn es darum geht, zu beurteilen, welche Schritte der Lebensmittelproduktion die meisten Emissionen verursacht haben".
Wie schwer kann es sein, die Umweltbilanz zu ermitteln?
Eine kürzlich veröffentlichte Studie der Oxford University unterstreicht die Annahme von David Bryngelsson, da es laut den Studien-Autor*innen selbst für Fachkundige schwer bis unmöglich ist, den Umwelteinfluss eines Lebensmittels zu bestimmen, denn üblicherweise existieren keine öffentlich zugänglichen Informationen über alle eingesetzten Inhaltsstoffe und schon gar keine, über die jeweilige Menge, die Herkunft und die Verarbeitung.
Und dennoch hat die Oxford University nun über 57.000 Lebensmittel auf ihre Umweltauswirkung untersucht. Sie nutzt dabei eine Vielzahl öffentlich zur Verfügung stehender Informationen. Die Ableitung erfolgt dabei aus der Basis von vier Indikatoren: Treibhausgasemissionen, Landnutzung, Wasserverbrauch und Eutrophierungspotenzial (=Übersättigung eines Ökosystems mit nicht organischen Nährstoffen wie z.B. Stickstoff).
Die Studie zusammenzufassen würde das Limit dieses Newsletters weit übersteigen (dieses Diagramm gibt aber schonmal einen guten Überblick). Die Ergebnisse unterstreichen aber, wie schwierig es ist, den Einfluss von Lebensmitteln auf unsere Umwelt zu beurteilen.
Einige Beispiele verdeutlichen die gewaltige Komplexität und das damit einhergehende Problem. Nehmen wir das Beispiel "Butter": Ähnlich wie Rindfleisch erhält sie keine positive Bescheinigung im Hinblick auf ihren Umwelteinfluss. Aus viel Milch wird sehr wenig Butter. Doch wer so rechnet, macht es sich zu einfach. Durch die Herstellung von Butter entsteht Buttermilch. Diese ergibt zwar ein eigenständiges Produkt, kann aber in der Betrachtung der Klimabilanz von Butter nicht einfach ausgeklammert werden.
Hinzu kommt die Tatsache, dass man auch unter den betrachteten Lebensmitteln nochmal unterscheiden muss. Wurde das Rind mit Soja oder Weidegras gefüttert? Wurde die Tomate im Gewächshaus gezogen oder nicht? Kommt das Gemüse aus der Region oder aus Südamerika und wenn letzteres, wie wurde es transportiert - mit dem Schiff oder dem Flugzeug?
Darüber hinaus scheitert es auch an der Definition. Was heißt jetzt "gut für das Klima"? Reden wir von CO2, von Flächennutzung, Wasserverbrauch, Verunreinigung der Böden, Biodiversität...?
Es ist bereits absehbar, dass die Diskussionen noch viel härter geführt werden, als es bei dem ebenfalls umstrittenen Nutri Score der Fall war und weiterhin ist.
Verändert ein Klima-Score unseren Einkauf?
Kommen wir zurück zur Ausgangsfrage: Kann ein Label, das uns die Umweltbilanz eines Lebensmittels aufzeigt, unseren Einkauf nachhaltiger machen?
Stellen wir die Frage direkt an Verbraucher*innen, ist die Antwort sehr eindeutig: Klima und Umwelt sind auch bei der Ernährung von Bedeutung. 84 Prozent sind die Themen Klima und Umwelt wichtig oder sogar sehr wichtig.
Auch andere Umfragen ergeben, dass die Mehrheit die Idee von CO2-Kennzeichnungen auf Lebensmitteln unterstützt.
Aber wer würde anderes behaupten. Stichwort "Sozial-erwünschte-Antwort".
Es ist anzunehmen, dass ein Klima-Label einen positiven Einfluss auf unser Einkaufsverhalten haben wird. Laut BMEL-Umfrage wird auch der Nutri Score bereits von vielen Verbraucher*innen wahrgenommen und immerhin schon von einem kleineren Teil auch als Entscheidungshilfe hinzugezogen.
Doch es sind erst einmal ganz andere Herausforderungen hinsichtlich einer konsolidierten und verständlichen Kennzeichnung der Klimaverträglichkeit eines Produktes zu klären. Ob ein Siegel wie Eco- oder Planet-Score eine gangbare Lösung sein kann, wird sich erst zeigen müssen.