#32 | Schluss mit Riegel-Startups

Moin Foodians,

fangen wir mit einer guten Nachricht an: die wenigsten von uns dürfen gerade Hunger leiden. Leider trifft das längst nicht auf alle Menschen zu und nach Jahren der Besserung nimmt die Zahl der Hungernden wieder zu. Dies ist eine unmittelbare Folge des Ukraine-Kriegs. Aber die Experten der Welthungerhilfe machen zugleich deutlich, "dass es seit Jahren grundsätzliche Probleme im internationalen Ernährungssystem gibt und Abhängigkeiten reduziert werden müssten." Es bleibt also viel für uns zu tun!

Ein anderes (definitiv viel unwichtigeres) Problem persönlicher Art nenne ich jetzt mal überspitzt die "Riegel-Krise". Dazu folgend mehr 😉

Peace!

Philipp

Riegel-Startups - ist das noch innovativ?

Vor einigen Jahren befand ich mich mitten im Studium und entdeckte zufällig ein Startup, dass mein Leben retten sollte. Das 2013 gegründete Unternehmen Hafervoll brachte den Müsliriegel auf ein ganz neues Niveau. Backen statt pressen. Nicht "Müsliriegel", sondern "Flapjack". Endlich brauchte ich unendlich lange Vorlesungen nicht mehr hungrig ertragen und musste dabei auch nicht auf Genuss verzichten.
Aber um ehrlich zu sein: häufig habe ich die Riegel nicht gebraucht. Und wenn ich mich umgucke, sehe ich selten Menschen, die Riegel essen. Und dennoch scheint der Riegel als Produkt eine der beliebtesten Kategorien für Food-Gründer*innen zu sein. Woran liegt das und kann das auf Dauer gut gehen?
Eine schnelle Recherche reicht, um eine Vielzahl von Startups zu identifizieren, die voll oder zum Teil auf Riegel setzen. Manche machen Müsliriegel, andere setzen eher auf Alternativen zum klassischen Schokoriegeln.
Ähnlich wie die eben erwähnten Flapjacks von Hafervoll, setzt das Startup SpiceBit auf Getreide als Basis. Dafür sind die Riegel komplett herzhaft, was ich so bisher noch nicht kannte.
Kein Getreide, aber dafür extra viele Datteln enthalten die AHARAbar-Riegel von Spoon of Taste. Wer getrocknete Früchte nicht ausstehen kann, lässt davon besser die Finger.
Mehr eine Revolution bietet da schon Bug Break, eine Riegel aus Insekten - genauer aus Buffalowürmern. Ob wir nun Lebewesen als Zutat in einer Kategorie brauchen, die bisher sehr gut ohne tierische Produkte ausgekommen ist (mit Ausnahme von Honig) bleibt zweifelhaft. Dafür bietet der Riegel aber immerhin einen Proteinanteil von 56%.
Alles Proteine, oder was?
Proteine sind dann auch schon das Stichwort. Viele setzen auf einen funktionalen Nutzen ihrer Riegel und in den meisten Fällen auf Proteine. Der Riegel als Sportlersnack. Naheliegend, insbesondere für dem Snack nach dem Training oder als Stärkung in den Pausen einer langen Radtour oder Wanderung. Somit ist es kein Wunder das Startups wie aheadFoodtasticHans BrainfoodHej Nutrition oder The Barefood Way auf diese Nische abzielen.
Aber es gibt sie dann doch, die Snickers-Alternativen. Natürlich sind sie alle gesünder, nachhaltiger... einfach "besser" als die Produkte der Food-Giganten, aber letztendlich auch kleinere Zuckerbomben für Zwischendurch. Immerhin: Meist enthalten sie deutlich weniger Zucker, sind vegan und/oder bio. So beispielsweise die Riegel von lycka. Aber auch The Nu Company setzt auf "bessere Riegel" und mit weniger Zucker, nachhaltiger Verpackung und teils auch mit der Extra-Portion Proteine.
Noch weiter geht da NEOH, das insbesondere auf Tiktok sehr erfolgreich Marketing betreibt, und verzichtet gänzlich auf Zucker.
Vollkommen "egal" ist das Thema Gesundheit den "Cookie Bros". Deren "The Riegel" soll einfach nur eins: schmecken.
Der Kampf um "die neue Quengelzone"
Wie kann es also sein, dass eine Kategorie, die mutmaßlich gar nicht so gefragt ist - zumindest nicht in dem Umfang, dass gleich so viele Startups davon leben können - so viele Gründer*innen auf den Plan ruft.
Zwei Entwicklungen könnten dazu beigetragen haben, dass sich möglicherweise  alle Reigel-Startups auf Dauer halten.
Grund 1: Direct-to-Consumer-Trend: Direct-to-Consumer - kurz "D2C" - wird der Direktvertrieb von Produkten an Endkonsument*innen genannt. Dabei wird der klassische Handel wie Supermärkte und Online-Marktplätze umgangen und die Produkte direkt vertrieben, beispielsweise im eigenen Onlineshop. Was schon seit vielen Jahren als Zweit- oder Drittkanal relevant war, ist für viele Unternehmen heute der wichtigste Absatzkanal. Die Corona-Pandemie gab dem Trend noch einmal einen Anschub, da viele Menschen möglichst von Zuhause aus einkaufen wollten oder es aufgrund von Quarantänen, Ausgangssperren und geschlossenen Geschäften auch gar nicht anders konnten. Die gegenwärtigen Lockerungen führen aber gerade wieder zu einem kleinen Rückgang des D2C-Trends, da die Leute gerade wieder mehr Lust am Shoppen haben und weniger Online einkaufen.
Grund 2: Die neue Quengelzone: Habt ihr euch in letzter Zeit mal an der Supermarktkasse umgeschaut? Dort finden sich immer weniger überteuerte Mini-Varianten von beliebten Süßigkeiten, weniger Schokoriegel der bekanntesten Marken und in Summe einfach deutlich weniger Zucker. Die Kassenzone - auch liebevoll "Quengelzone" genannt - wird gesünder. Von "Gesund" kann noch längst nicht die Rede sein, aber eine Entwicklung ist deutlich zu erkennen. Und somit auch das Potenzial, als Startup mit einem passenden Produkt dort Fuß zu fassen. Früher noch ein Ding der Unmöglichkeit, denn die Plätze waren (und sind immer noch) heiß begehrt.
Es gibt also gute Gründe, wieso Gründer*innen auf Riegel setzen und gleichzeitig darf bezweifelt werden, dass der Markt groß genug ist, ihnen allen dauerhaft Platz zu bieten.
Ich würde jedenfalls niemanden mehr empfehlen, in diese Kategorie zu gehen, so "innovativ" die Produktidee auch sein mag (komm mir jetzt nicht mir Mettriegel!).
Wie seht ihr das? Schreibt es doch gerne an phil@foodverse.de