#21 | New Food Revolution (Teil 3/3) • Keato

Moin Foodians,

vielleicht übertreibe ich es etwas mit den Zitaten der Buchreihe “Per Anhalter durch die Galaxis”, aber diesen letzten Auszug möchte ich euch nicht vorenthalten:

»Ich will einfach kein Tier essen, das dasteht und dazu einlädt«, sagte Arthur, »das ist herzlos.«
»Besser als ein Tier zu essen, das nicht gegessen werden will«, sagte Zaphod.
»Darum geht’s doch nicht«, widersprach Arthur. Dann dachte er einen Augenblick nach.

»Okay«, sagte er, »vielleicht geht’s doch darum.

Arthurs innerer Kampf, mit der sprechenden Kuh vom Restaurant am Ende des Universums, die ihm seinen schmackhaften Körper präsentiert, spiegelt sehr gut unsere zwiespältige Beziehung zu tierischen Produkten wider. 

Einerseits wollen wir nur ungern darauf verzichten, empören uns aber gleichzeig über herzlose Haltungsbedingungen oder ekeln uns über den Kopf eines Fisches auf dem Teller.

Die mögliche Lösung dieses Dilemmas gibt´s heute im dritten und letzten Teil der Reihe “New Food – von der Evolution zur Revolution”.

Peace!✌️

Philipp

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Deep Dive
New Food – von der Evolution zur Revolution(Teil 3/3)
Im letzten Newsletter haben wir uns den Anfängen pflanzlicher Ersatzprodukte gewidmet, über New Food auf Abwegen (Insekten) debattiert und die beginnende Revolution dank Beyond Meat und Impossible Foods betrachtet.  Heute geht es mit eben dieser Revolution weiter und wir werfen sogar einen kleinen Blick darüber hinaus. Evolutionsstufe 6: Cultivated Meat: Fleisch aus dem Labor!  Bereits 2004 arbeiteten drei niederländische Universitäten im Labor an etwas, was den Fleischmarkt endgültig umkrempeln wird. Doch erst 2013 war es endlich so weit: die österreichische Ernährungswissenschaftlerin und Trendforscherin Hanni Rützler durfte unter großem PR-Spektakel den ersten kultivierten Burger probieren.Seit dem ist viel, sehr viel passiert. Angefangen mit der Namensfindung, die – dank Presse – keinen guten Start hinlegte. “Laborfleisch” machte noch nicht so richtig Lust auf einen Burger aus der Petrischale und auch der Nachfolger “Clean Meat” war zwar schon Presse-, aber eben nicht alltagstauglich. Aktuell stehen wir bei  “In-vitro-Meat”, “Cultured Meat” und meinem persönlichen Favoriten “Cultivated Meat” (wer is(s)t nicht gerne kultiviert?!). Bis zur Marktreife findet sich wohl auch noch eine Bezeichnung, die den Konsument*innen richtig Lust macht. 

Ach so, du weißt gar nicht genau, was Cultivated Meat ist?
Hier eine kurze Erklärung:
Dabei handelt es sich um echtes Fleisch, also vom Tier. Oder eben auch nicht. Also ein bisschen Tier braucht es dafür schon. Okey, nochmal von vorne: Cultivated Meat ist Fleisch, dass durch direkte Kultivierung tierischer Zellen hergestellt wird. Kultiviertes Fleisch besteht aus den gleichen Zelltypen, gleicher oder ähnlicher Struktur wie tierisches Gewebe. Dadurch hat es das sensorische und ernährungsphysiologische Profil von herkömmlichem Fleisch. Zunächst braucht es Stammzellen. Diese Ausgangszellen werden dem jeweiligen Tier schmerzfrei durch eine Biopsie und ohne Tötung entnommen, dann in Bioreaktoren gezüchtet und dabei mit einem sauerstoffreichen Zellkulturmedium gefüttert, das aus Grundnährstoffen wie Aminosäuren, Glukose, Vitaminen und anorganischen Salzen besteht und mit Proteinen und anderen Wachstumsfaktoren gefüttert wird. Die die dadurch gezüchteten Zellen werden dann “geerntet”, präpariert und zu Endprodukten verarbeitet. Seit der Vorstellung 2013 hat sich viel getan. Die Branche sammelte seit dem mehr als 600 Millionen US-Dollar an Finanzmitteln ein und die Anzahl der Unternehmen stieg auf über 50 weltweit – und nimmt in einem rasanten Tempo weiter zu.Eines der führenden Unternehmen ist Eat Just. Bekannt wurden die Amerikaner durch ihr tierloses Flüssig-Ei (JUST Egg), konzentrieren sich aber seit einiger Zeit stärker auf kultiviertes Fleisch und haben 2020 als weltweit erstes Unternehmen in Singapur die Zulassung erhalten, ihre Hühnchenalternative dort zu vermarkten. Gegenwärtig sind die Vereinigten Staaten so etwas wie das weltweite Zentrum kultivierten Fleisches. Dort sitzen die meisten Unternehmen (u.a. Eat Just, Upside FoodsBlueNaluBoston Meats, Matrix Meats usw.) der Branche und ebenso kommt dort der Großteil des Venture Capitals der Branche her.Gerüchten zufolge werden wohl auch die USA zeitnah kultiviertes Fleisch für den kommerziellen Verkauf zulassen. Auch Israel und Singapur sind sind wichtige Treiber für die Kulturfleischindustrie. Dort ansässige Startups wie Aleph FarmsSuperMeat und Future Meat (Israel) sowie Umami MeatsShiok Meats und Gaia Foods (Singapur) gehören zu den wichtigsten Innovatoren der Branche. Und natürlich mischt auch Europa mit. Mosa Meat, welches aus den ursprünglichen Forschungen der anfangs erwähnten Universitäten herausgegründet wurde, hat das potenzial, zum europäischen und vielleicht weltweiten Marktführer heranzureifen. Weitere europäische Unternehmen sind u.a. Alife FoodsBio Tech Foods und Meatable.Doch obwohl die Europäische Union bereits existierende Regularien zur Zulassung kultivierten Fleisches hat und einschlägige Forschungen sogar fördert, wird davon ausgegangen, dass sich die Zulassung hinziehen wird (Die Fleischlobby lässt grüßen). Warum machen wir das eigentlich alles? Naja, die Vorteile von Cultivated Meat liegen auf der Hand: Aufgrund des effizienteren Produktionsprozesses punktet kultiviertes Fleisch gegenüber konventioneller Tierhaltung in erster Linie mit einer besseren Ökobilanz. Es braucht deutlich weniger Land und Wasser, es werden deutlich weniger Treibhausgase emittiert und die, durch die Landwirtschaft verursachte Umweltverschmutzung, wird stark verringert. Und nicht zuletzt müssen für Fleisch aus dem Labor keine Tiere mehr sterben.Wer sich jetzt noch mehr “kultivieren” möchte, kann sich ja mal die Trendstudie des deutschen Technologieunternehmen Merck durchlesen, welche die Auswirkungen von Cultivated Meat auf die Gesellschaft und Lebensmittelbranche umfassend betrachtet. Wie geht es nun weiter? Für den Anfang wird es voraussichtlich erstmal auf Hybride Produkte hinauslaufen – also einer Kombination von kultivierten Fleisch mit pflanzlichen Zutaten, ähnlich der in Singapur bereits zugelassenen Chicken-Nuggets von GOOD Meat (Tochtergesellschaft von Eat Just).100% kultiviertes Fleisch wird wiederum erstmal nur in Form von Hackfleisch verfügbar sein, da es deutlich schwieriger ist, ganze Muskeln herzustellen. Kommen wir zum “Heiligen Gral”: Dem Steak aus dem Labor – also dem kultivieren sogenannter “Wholecuts”. Dafür gilt es aber noch einige technische Hürden zu überwinden. Aber, es gibt bereits erste Erfolge zu vermelden. Japanische Forscher konnten mit Hilfe eines 3D-Druckers Wagyu-Rindfleisch erzeugen, das wie ein natürliches Steak aus Muskel- und Fettgewebe sowie Blutgefäßen besteht. Ähnliche Erfolge vermeldete kürzlich das israelische Startup Mea Tech. Neben der eigentlichen Forschungsarbeit und der Zulassung wird wohl die Massenproduktion die größte Herausforderung. Bis wir kultiviertes Fleisch im großen Umfang und zu marktgerechten Preisen erzeugen können, wird es wohl noch ein paar Jahre dauern. Es wird aber spekuliert, dass kultiviertes Fleisch bereits ab 2030 kosteneffektiv sein könnte, mit Produktionskosten von nur 6,43 Dollar pro Kilogramm. Evolutionsstufe 7 – Die ZukunftFuture Meat X: Proteine aus Luft? Wie will man Fleisch aus dem Labor noch toppen? Versuchen wir es mal mit Fleisch aus Luft. Klingt verrückt? Ist es aber nicht.Das finnische Startup Solar Foods möchte genau das machen und sammelte mit dieser Idee bereits Millionen an Kapital ein. Kern dieser Innovation ist das unternehmenseigene Produkt namens “Solein”, ein Proteinpulver mit allen essentiellen Aminosäuren, welches zu großen Teilen aus CO2 besteht und in Aussehen und Geschmack Weizenmehl ähnelt. Für die Herstellung von Solein wird Kohlendioxid aus der Umgebungsluft gefiltert. Das gewonnene CO2 wird mit Wasserstoff in einen Bioreaktor gegeben und dient dort speziellen Mikroorganismen als Futter. Durch einen Fermentationsprozess entsteht am Ende das Proteinpulver Solein. „Solein verschwindet in den täglichen Mahlzeiten, während es gleichzeitig seinen hohen Nährwert beibehält und eine einheitliche Lösung bietet, die praktisch alle denkbaren Mahlzeiten von heute und morgen abdeckt“, sagt Juha-Pekka Pitkänen, CTO und Mitgründer von Solar Foods. Damit könnte Solar Foods die Art und Weise, wie Lebensmittel erzeugt werden, von Grund auf verändern.   Die gesamten, vorgestellten Evolutionsstufen hier nochmal in der Übersicht:  Vergangenheit / Heute1. Bio2. Clean Label Vegetarismus3. Pflanzliche Ersatzprodukte Part 14. Insekten5. Pflanzliche Ersatzprodukte Part 2 Zukunft6. Cultivated Meat7. Future Meat X Falls ihr Interesse an weiteren New Food Unternehmen habt – auch über das Thema Fleisch hinaus – findet ihr hier eine ausführliche Auflistung einschlägiger Player.
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